Plädoyer für unsere Kinder: Was mich bewegt!

Christa Jacobi-Royda am 1. November 2012 um 18:12 Uhr

Prof. Gerald Hüther: > Wer mehr Zitronensaft haben möchte, muss nicht die Zitronen mehr auspressen, sondern die Bäume besser düngen. <
Ich bin nun seit mehr als 30 Jahren in verschiedenen Rollen in der Elementarpädagogik tätig und die Entwicklung der letzten Jahre lässt mich schaudern! Bildungsprogramme in den Kitas, Abitur in 12 Jahren, Bachelor in 6 Semestern… schnell schnell viel hinein in die Kinder und jungen Menschen. Bloß keine Zeit verlieren!
Keine Zeit zum Spielen, Träumen, Freunde treffen, Fehler machen, ins Leben hineinwachsen…
Aber: > Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.<
Vom Kindergarten an (ach welch ein schönes altes sinnerfülltes Wort) wird die Bildungsentwicklung protokolliert. Nur das Wissen, dass man messen und überprüfen kann, zählt! Doch viele Bachelor- Absolventen fühlen sich noch nicht reif genug für die Aufgaben der Arbeitswelt und Firmen beklagen einen Mangel an Lebenserfahrung – Ach nein – woher denn auch? Ist diese Art Wissen doch nicht alles?
Schon mit 4 müssen unsere Kinder zur musikalischen Früherziehung, zur Jugendkunstschule, zum Early English und Judo-oder Ballettunterricht. Wenig Zeit zum Spielen? Macht nichts, in der Kita gibt es ja jede Menge tolle Förderprogramme für Sprachförderung, Sozialerziehung, Mengenerfassung, Lesevorbereitung, Naturwissenschaftliche Kenntnisse, Umwelterziehung und … und … und. (Wieviel Kraft kostet es, dies alles NICHT zu tun!)
Wer muss denn noch in Pfützen matschen, Heuschrecken fangen (und essen?) in Laubhaufen kriechen, Schneckenwettrennen veranstalten, Buden und Türme bauen, wenn sie zusammenbrechen, von vorne anfangen, aushandeln, wer den Roller wie lange fährt, sich zanken und vertragen…? WOZU denn?
Aber auf eines wollen die Eltern natürlich nicht verzichten: war es doch immer so schön und so niedlich! Die netten Bastelarbeiten!!
Jaa wir brauchen für die Probleme, die wir unseren Kindern hinterlassen, vor allem, dass sie schön auf einem Strich langscheiden können und wissen, wohin man das Auge malt! –
Und bitte jedes Jahr eine neue Laterne. Ex und hop – das ist die Zukunft! Wer heult denn da, und will die alte nehmen? Hast Du selbst gemacht und hängst nun dran? Pech gehabt – die neue ist doch viel schöner! – WERTEVERMITTLUNG?? –
Erziehung bedeutet, ins Leben ziehen, sagt Jesper Juul. In was für ein Leben ziehen wir unsere Kinder?
Die Zukunft braucht eine mutige, zuversichtliche Jugend voll Selbstvertrauen und mit kreativen Lösungen. Mit Empathie und Verantwortungsbewusstsein. Menschen die andere nicht klein machen müssen weil sie sich selbst klein und ungenügend fühlen.
Kreativität aber braucht Zeit und Raum und Freiheit um sich zu entfalten. Und sie macht Unordnung und Schmutz – das braucht Erwachsenen mit guten Nerven.
Mut braucht Zuwendung und Begleitung; jemand der hilft, Angst zu überwinden, der vermittelt: Ich bin für Dich da wenn`s schief geht, aber Du schaffst das schon.
Zuversicht braucht die Erfahrung: das Leben ist schön, die Erde ist ein guter Ort! Dafür braucht man Zeit zum Entdecken und Staunen. Trost wenn was nicht gleich glückt. Und Zuversicht braucht Träume an die man glauben darf.
Selbstvertrauen braucht die Erfahrung, dass ein Fehler nicht schlimm ist. Selbstvertrauen braucht eine liebevolle Begleitung die sagt: Du bist wichtig! Ich glaube an Dich! Selbstvertrauen braucht die Erfahrung: ich hab das alleine geschafft!
Empathie erwächst nicht aus dem Betrachten schöner Bilderbücher sondern durch den Zugang zu eigenen Gefühlen. Das braucht Geduld und Zuwendung; wenn`s weh tut, einen etwas traurig oder wütend macht. Es braucht Achtsamkeit vor meinen Gefühlen und Bedürfnissen – nur so lerne ich das Gleiche für andere.
Verantwortung setzt Achtung voraus – vor Menschen, Tieren, Pflanzen und Gegenständen. Eine Achtung und Achtsamkeit, die auch ich selbst erfahren muss. Und Wertschätzung für meine Bedürfnisse, Ideen und die Dinge, die ich selbst gemacht habe die und die mich interessieren.
>Es geht nicht darum, ein Fass zu füllen, sondern einen Funken zu entzünden: < Prof. Dr. Haugh-Schnaabel
Um dies alles unseren Kindern zu geben brauchen sie Zeit und Raum und sie brauchen Erwachsene, die nicht ausgelaugt und aufgerieben werden von unserem Bildungswahn! Sie brauchen Menschen die Ihnen zuhören können, Ihre Ideen aufgreifen und sie nicht wegschicken, weil sie keine Zeit haben, weil jetzt das … Programm oder Thema „dran“ ist.
Und wir brauchen eine Gesellschaft, die begreift, dass ein Mensch mehr ist als die Summe seiner Leistungen und dass wir mehr brauchen, als sich in Zeugnisse und Diplome schreiben lässt: Herzensbildung!

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